Der Feind ist auch nur ein Homin
Eine Geschichte nach einer wahren Begebenheit
Elizabeth taucht die Feder in das Tintenfass und fängt zögerlich an zu schreiben: Heute haben wir den Außenposten in Loria verloren. Wieder sieht sie das Schlachtfeld vor ihrem inneren Auge. Wir versuchten zu verteidigen, was möglich war, aber sie überrannten uns einfach, Angriff für Angriff, wie eine Horde wildgewordener Armas. Wir standen von Anfang an auf verlorenem Posten, trotz so vieler glühender Herzen auf unserer Seite.
Elizabeth seufzt. Als der Kampf längst verloren war, stand sie mit Kadragan und Norodon am Rande des Schlachtfeldes. Ihre Waffen waren gestreckt und der Kopf trotz der Niederlage stolz erhoben. Sie wussten, dass sie alles gegeben hatten. Der Feind zollte den jungen Elantar den Respekt.
Ich beschloss noch einen Abstecher nach Pyr ins Badehaus zu machen, um mir die Spuren der Schlacht abzuwaschen. Ich hatte mich gerade im warmen Wasser ausgestreckt, als ein fremder Matis mit dunklen langen Haaren das Bad betrat. Ich betrachtete ihn unter gesenkten Wimpern. Seine Kleidung wies ihn als Mitglied einer der Gegenseite zugehörigen Gilde aus. Ich begrüßte ihn höflich, insgeheim hoffend, dass ich bald wieder das Bad für mich alleine hätte.
Erstaunlicherweise begann er jedoch ein Gespräch, in dessen Verlauf er sich als wortgewandter und gebildeter Homin herausstellte. Er hatte eine geistreiche Art an sich und ich genoss das Wortgefecht, auch wenn er allzu leidenschaftlich seine Seite verfocht. Nun, ich bin froh, dass ich meinen Verstand nicht an der Tür zum Badehaus abgegeben hatte.
Elizabeth erinnert sich an den Moment, in welchem ihr klar wurde, dass sie hier nicht mit irgendeinem Homin der Gegenseite sprach. Wenn sie ihre Augen schließt, sieht sie die Augen des Fremden vor sich. Sie hatte das Gefühl gehabt, als könne er direkt in ihre Seele schauen.
`Vielleicht muß ich um Frieden zu finden, erst Krieg bringen.´ Sie war angesichts seiner Worte geschockt und langsam dämmerte ihr die Wahrheit. Sie wühlte in ihrem Gedächtnis, ob sie seinen Namen schon mal gehört haben könnte. Als ihr die Erkenntnis kam, wäre sie fast aus dem Badehaus geflüchtet vor der Tatsache, dass dieser symphatische, geistreiche Mann einer der Anführer und damit verantwortlich für den beginnenden Krieg ist. Sie hatte Mühe, das Entsetzen zu verbergen. Hastig hatte sie sich mit der angemessenen kühlen Höflichkeit, welche einem Adelshaus würdig ist, verabschiedet.
Am nächsten Tag holte Elizabeth bei den anderen Cavaliere des Hauses Erkundigungen über den Fremden ein und versuchte, in den Stadtarchiven etwas über ihn heraus zu finden. Er hatte ihr eine schlaflose Nacht bereitet, da sie immer, wenn sie die Augen schloss, die ernsten Augen des Fremden vor sich sah. Gleichzeitig hörte sie jedoch seine Stimme, die von Krieg sprach. Die Ausbeute ihrer Recherche war nicht groß, lediglich ein Cavaliere wusste ihr zu berichten, dass der der langjährige Anführer einer großen Gilde sei. Zu ihrem Erstaunen sprach er jedoch ohne Groll, sondern mit Achtung von ihm.
Zwei Tage später führten sie ihre Geschäfte wieder nach Pyr. Sie wollte dringend noch ein paar Verkäufe unter Dach und Fach bringen, da sie am nächsten Morgen zu einer längeren Reise aufbrechen wollte.
Plötzlich erstarrte sie. An der Ecke des Marktes stand ein hochgewachsener Homin in voller Rüstung. Trotzdem sie sein Gesicht nicht sehen konnte, wusste sie, wer hinter dem Helm steckte. Hastig wandte sie sich wieder dem Juwelenhändler zu, dem sie heute einige besonders exklusive Stücke mitgebracht hatte. Betont langsam lief sie sodann weiter zum nächsten Händler, gewillt so zu tun, als ob sie nichts um sich herum wahrnahm.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er den Helm absetzte. Unweigerlich musste sie sich seiner Position nähern, wenn sie auf den größeren Teil des Marktes wollte. Sie versuchte möglichst unauffällig an ihm vorbeizugehen.
Nabend Miss. Seine Stimme tönte über den Markt. Sie erstarrte. Sie musste wohl doch noch intensiver das Schleichen üben. Sie drehte sich langsam zu ihm um und begrüßte ihn mit einer höflichen Verbeugung. Mit Spott in der Stimme bemerkte er, dass sie sich ziemlich oft in Pyr aufhalten würde.
Ich liebe die grünen Wiesen von Matis, aber die Leidenschaft von Pyr hat durchaus auch seinen Reiz. antwortete sie, froh rechtzeitig ihre Sprache wieder gefunden zu haben. Sie erwähnte, dass sie innerhalb ihres Hauses positives über ihn gehört hatte, was ihn doch erstaunte. Das Glitzern in seinen Augen ließ sie fast ein wenig bedauern, dass sie vor ihrer Abreise noch so viel Arbeit hatte. Als er hörte, dass sie geschäftlich in Pyr war, verabschiedete er sich und entschuldigte sich dafür, sie aufgehalten zu haben. Erstaunt sah sie ihm hinterher.
Als Elizabeth spätabends fertig mit den Vorbereitungen für die Reise war, stellte sie fest, dass es sich nicht mehr lohnen würde, zu schlafen. Also beschloss sie, noch mal das Badehaus aufzusuchen. Vielleicht, so hoffte sie, käme ja wieder eine nette Unterhaltung zustande. Allerdings um diese Uhrzeit? Als sie aus der Tür trat, zögerte sie. Wieso sollte sie es eigentlich dem Zufall überlassen. Razrah hatte keine Vorbehalte gegen ihre neue Bekanntschaft gehabt und da sie nun wusste, mit wem sie es zu tun hatte, drohte eigentlich auch keine Gefahr. Außerdem hatte die den Verdacht, dass mit ihm ein unterhaltsamer Abend gewährleistet sei.
Eilig schrieb sie also eine kurze Nachricht auf ein Stück Papier, versiegelte es und übergab es dem Boten mit dem Auftrag es so schnell wie möglich nach Pyr zu bringen. Ihr Herz klopfte, als sie den Boten davoneilen sah, war es doch recht ungewöhnlich, auf diese Weise mit der Gegenseite zu verkehren und ganz abgesehen davon, war es schon fast verwegen, einen Mann, den sie kaum kannte, ins Badehaus einzuladen. Sie konnte nur hoffen, dass er ihre Einladung nicht falsch interpretierte.
Als sie dann im Badehaus saß, schalt sie sich für ihre Spontanität. `Elizabeth DelAmàr,´ dachte sie, `wie willst Du je Disziplin lernen, wenn Du jedes Mal tust, worauf Du gerade Lust hast, ohne an die Konsequenzen zu denken.´ Sie verabredete sich mit einem feindlichen Anführer, jemanden der verantwortlich für die letzten Kämpfe, vielleicht verantwortlich für gefallene Karavanier war. Was würde nur der Fürst dazu sagen. Sobald sich die Gelegenheit bot, würde sie mit ihm sprechen. Elizabeth seufzte. Nichtmal ihren Mentor, Duca Azael, konnte sie danach fragen, da dieser verreist war. Er hätte sicherlich Rat gewusst. Ihre Gedanken schweiften ab. Der Urlaub würde Azael hoffentlich gut tun. Sie alle konnten nur hoffen, dass seine Frau wohlbehalten wiederkommen würde, bevor ihn die Trauer und die Ungewissheit noch völlig übermannte. Er trug die Traurigkeit in letzter Zeit wie einen Mantel, der keinen Sonnenschein mehr durchließ.
Eliza schüttelte den Kopf. Sie machte sich wahrscheinlich doch zu viele Gedanken. Yaksan würde sicher sowieso nicht kommen, wieso sollte er ihrer Bitte auch folgen. Und Azael, Azael würde sie schon ab und an aufheitern können. Und schließlich arbeitete die Zeit für ihn.
Kaum hatte sie zu Ende gedacht, näherte sich jemand mit schnellen Schritten. Yaksan stürmte ins Badehaus und schwenkte einen Brief hin und her. Sein Blick war misstrauisch: Woher wisst Ihr, wo ich wohne? rief er. Sie sah ihn erstaunt an: Nun, ich habe den Boten nach Pyr geschickt, ich denke, er hat sich durchgefragt. Er zögerte einen Moment und lachte dann: Nun, dann ist es kein Wunder, dass er zu spät dran war. Ich wohne nämlich in Yrkanis. Oh. Sie stotterte Dann, hmmm, dann werde ich ihm wohl einen extra Lohn geben müssen.
Er setzte sich zu ihr und fing an zu sprechen, doch sie unterbrach ihn hastig: Euch ist doch klar, dass Ihr mich durch nichts bewegen könntet, die Seiten zu wechseln? Er lächelte nur und meinte: Das ist mir durchaus klar. Wie kommt Ihr auf die Idee, ich würde das versuchen? Nunja, Ihr seid der Anführer einer großen kamistischen Gilde. Wieso sonst, solltet Ihr Euch mit mir unterhalten. Da seid Ihr falsch unterrichtet. Ich bin nicht der Anführer, nicht mehr. Und ich unterhalte mich mit Euch, ohne die Absicht, Euch von Eurem Glauben abzubringen. Wenn wir in unseren Gesprächen objektiv bleiben, vielleicht schärft das das gegenseitige Verständnis füreinander. Ja, ja. Das klingt gut. antwortete sie. Und es freut mich, dass Ihr nicht der Anführer seid. sagte sie ernst. Er runzelte die Stirn: Wieso das? Elizabeth antwortete: Weil Euch das ein Stück von der Verantwortung entbindet und
Er seufzte und flüsterte: Wenn es doch so wäre!
und weil Ihr dann nicht denken könnt, ich würde Eure Gesellschaft suchen, weil Ihr der Anführer seid. Sie lächelte schelmisch.
Yaksan musterte sie einen Augenblick, bevor er lachte und meinte: Dann hätte Numar aber schlecht gewählt, ich mag nämlich eher schwarzhaarige Frauen. Sie stockte einen Moment, ob der Wendung im Gespräch und brachte dann hervor: Soso, mögt Ihr? Er grinste und meinte: Ja, zumindest für den ersten Blick. Bei näherer Betrachtung fallen natürlich noch andere Sachen ins Gewicht.
Elizabeth schaute auf den Wasserspiegel im Bad. Hmmm
also ich finde meine Haare schön. Sein Grinsen wurde breiter: Etwas streng, aber vermutlich einer Elantar angemessen. Wieder schaute sie ins Wasser: Hmmm
stolz hob sie den Kopf und schaute ihm geradewegs in die Augen: Ich mag meine Haare so wie sie sind und Ihr, Ihr müsst sie ja nicht mögen. Er fing an zu lachen und gab ihr recht. Sie lachte mit und so wurde es unerwarteter Weise zu einem sehr lustigen Abend, in dessen Verlauf Elizabeth teilweise vergaß, dass sie eigentlich Feinde waren.














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